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29.06.2020 | 5 Minuten

Markthochlauf der Elektromobilität - ein Interview mit der eMO


Gernot Lobenberg wirkt als Leiter der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO kräftig am Ausbau nachhaltiger Mobilität mit. Er fordert mehr Förderung von Ladeinfrastruktur auf privatem Grund.

Die Elektromobilität voranzubringen ist das erklärte Ziel der Berliner Agentur für Elektromobilität, kurz: eMO. Seit der Gründung im Jahr 2010 vernetzt die bei der Berliner Wirtschaftsförderung „Berlin Partner“ angesiedelte Agentur Akteure aus unterschiedlichen Branchen miteinander. Die Hauptstadt soll ein Zentrum für nachhaltige Mobilität werden.

Herr Lobenberg, warum braucht man eigentlich eine Agentur für Elektromobilität?

Gernot Lobenberg: Wir verstehen uns als Innovationsagentur. Innovationen, zu denen ja auch Elektromobilität zählt, setzen sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit am Markt durch. Uns geht es darum, den Prozess zu beschleunigen, indem wir verschiedene Akteure vernetzen – aus der Politik, aus der Verwaltung, der Wirtschaft und der Wissenschaft. Wir klären auf, bringen die Beteiligten zusammen und versuchen, das Thema zu treiben.

Und wie profitieren die verschiedenen Akteure von einer Zusammenarbeit mit Ihnen?

Zum einen vernetzen wir sie untereinander, zum anderen sind wir auch eine Art Lotsenstelle. Wir geben Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen Orientierung, erklären ihnen, wo sie beispielsweise Fördermittel beantragen können oder wer die richtigen Ansprechpartner in der Verwaltung sind.  Außerdem vermitteln wir Partner, um etwa Pilotprojekte voranzutreiben. Auch regelmäßige Veranstaltungen wie Workshops oder Vorträge gehören zu unserem Angebot. Hier können Unternehmen ihre Projekte und Lösungen für mehr nachhaltige Mobilität präsentieren. Darüber hinaus beraten wir auch Politik und Verwaltung.

Aus der Politik ist immer wieder der Wunsch zu hören, Berlin als führendes Zentrum für Elektromobilität zu etablieren. Wie schätzen Sie die Chancen der Hauptstadt in diesem Bereich ein?

Wichtig ist, was beim Bürger ankommt und was tatsächlich in Sachen Klimaschutz und Lebensqualität passiert. Das gilt auch für die Ansiedlung von neuen Unternehmen und im Bereich Ladeinfrastruktur. Insgesamt ist die Elektromobilität von einem echten Marktdurchbruch noch entfernt. Aber die Breite, die wir in Berlin an Anbietern in den Bereichen Elektromobilität und neue Mobilitätsdienstleistungen haben, ist schon einmalig in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa.

Foto: fotostudio-charlottenburg, hedrich.mattescheckGBR

Gernot Lobenberg steht seit 2011 an der Spitze der Berliner Agentur für Elektromobilität – kurz eMO. Foto: fotostudio-charlottenburg, hedrich.mattescheckGBR

Deutschland hinkt als klassisches Autoland beim Ausbau der Elektromobilität immer noch hinterher. Woran liegt das?

Das hat mehrere Gründe. Grundsätzlich ist das Auto in Deutschland neben einer individuellen Mobilitätsgarantie auch ein Narrativ für unseren Wohlstand. Es hängen zudem sehr viele Arbeitsplätze und viel Wertschöpfung von der Autoindustrie ab. Bei Innovationen gibt es immer Widerstand gegen ein Umsteuern, weil ja alles noch gut läuft. Aber wir kennen auch Beispiele von Weltmarktführern aus anderen Branchen, etwa Nokia oder Kodak, die heute vom Markt verschwunden sind.

Eine starke Autoindustrie ist doch eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, die notwendigen Investitionen vorzunehmen und Vorreiter zu werden.

In der Industrie und der Politik wird diskutiert, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, den Schalter hin zu nachhaltiger Mobilität umzulegen. Heutzutage liefern Verbrennungsmotoren gute Renditen – je größer das Auto, desto mehr wird verdient. Wirtschaftlich betrachtet ist es erst einmal unvernünftig, darauf zu verzichten, zumal man die Erlöse auch für Investitionen in die Zukunft benötigt. Genauso schwierig ist der Kulturwandel in den Unternehmen: Es ist halt schwer zu vermitteln, dass das, was gestern noch geniale Ingenieurskunst war, morgen schon ein Problem sein soll.

Aber auch die Nachfrage, also die Kundenseite, spielt eine große Rolle. Woran liegt es denn, dass das Elektroauto noch nicht so stark nachgefragt ist?

In Deutschland identifiziert man sich stärker mit dem Auto mit Verbrennungsmotor als anderswo. Es ist schließlich eine deutsche Erfindung. Außerdem ist in anderen Ländern eine größere Förderung da. Norwegen, Frankreich und die Niederlande sind da weiter als Deutschland. In Norwegen etwa gilt die hohe Zulassungssteuer nur noch für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. In Oslo zahlen Fahrer von Elektroautos keine City Maut. Es gibt also handfeste finanzielle Nachteile für die Besitzer von Autos mit Verbrennungsmotor.

Die Corona-Krise hat die Automobilwirtschaft voll erfasst. Nun will die Bundesregierung die Nachfrage nach Elektroautos mit einer erhöhten Kaufprämie anzukurbeln. Welche Chancen bietet ein solches Instrument?

Das muss man differenziert betrachten. Ein Konjunkturprogramm soll innerhalb einer relativ kurzen Frist den Konsum und damit die Wirtschaft ankurbeln. Das ist mit der befristen Absenkung der Umsatzsteuer auf alle Produkte bis Ende 2020 ja gerade beschlossen worden. Bei Elektromobilität geht es aber vor allem um Investitionen für einen echten Kulturwandel, und die wirken nicht von heute auf morgen, sondern eher mittel- bis langfristig. Die Erhöhung der Innovationsprämie für Elektrofahrzeuge ist ein richtiger Schritt, um Kaufanreize zu schaffen und die Erreichung der Klimaziele zu unterstützen. Meiner Meinung nach muss aber nun auch endlich die Verkehrswende kommen und nicht nur eine reine Antriebswende.

Was glauben Sie, wie sich die Elektromobilität in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird?

Wir sind heute in einem deutlichen und unumkehrbaren Markthochlauf. Das Angebot an Elektrofahrzeugen wird immer breiter, auch die Autoindustrie bringt immer mehr Modelle auf den Markt. Die Entwicklung ist also positiv. Wo es sicherlich Nachholbedarf gibt, ist der Bereich Ladeinfrastruktur, vor allem auf privatem Grund. Rund 80 Prozent aller Ladevorgänge finden zu Hause oder am Arbeitsplatz statt. In dem Bereich muss noch mehr passieren, zum Beispiel durch neue Regelungen und verstärkte Förderung.

Das Gespräch führte Harald Czycholl


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