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21.05.2020 | 6 Minuten

Die 5 größten Vorurteile gegenüber den ersten Autos


Autos seien gefährlich und eine vorübergehende Erscheinung – das sind zwei der Vorurteile von einst gegenüber den ersten Autos. Heute gibt es mehr als je zuvor, bald fahren sie nur noch elektrisch. Fakten und Fortschritt statt Vorurteile.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der ersten Automobile. Erfinder und Ingenieure experimentierten mit einer Vielzahl an Dampfautos, Muskelkraftwagen und vor allem Elektro- und Benzinautos. 1839 baute der Brite Robert Anderson das erste Elektrofahrzeug in Aberdeen. Nach dem Stromer kam der Benziner. Im Jahr 1886 brachte der deutsche Erfinder Carl Benz den dreirädigen „Benz Patent-Motorwagen Nummer 1“ heraus. Dies gilt als die Geburtsstunde des modernen Automobils, da es große mediale Aufmerksamkeit erregte und zu einer Serienproduktion führte. Doch was viele nicht wissen: Die Menschen standen den ersten Autos sehr skeptisch gegenüber.

Die 5 Vorurteile gegenüber den ersten Automobilen

1) Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung

Im 19. Jahrhundert kam es zur Reizüberflutung. Die Eisenbahnproduktion breitete sich aus. Ein Schienennetz verband ganz Deutschland. Elektrisches Licht machte die Nacht zum Tag und auch das Telefon wurde erfunden. Dieser hektische Fortschritt überforderte die Menschen und führte zu Unmut – nicht nur gegenüber Telefonen und Telefonmasten, von denen behauptet wurde, sie dienten der Spionage. Auch das Auto traf es. Viele Menschen gingen davon aus, es handle sich um ein zeitweilliges Phänomen, das sich nicht durchsetzen würde. Beispielhaft für diese Einschätzung ist ein Zitat von Wilhelm dem Zweiten, dem letzten deutschen Kaiser: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Dass dem nicht so war, zeigt die Geschichte.

2) Ein Automobil leisten sich nur Wohlhabende

Dieses Vorurteil traff auf die Anfangsjahre der Automobilgesichte zu. Nur Wohlhabende konnten sich das Gefährt leisten. Mit den ersten Autos spaltete sich die Gesellschaft zunehmend in Motorisierte und Nicht-Motorisierte. Ein weiterer Streitpunkt: Die Kies- und Sandstraßen. Sie waren auf Pferdehufe ausgerichtet, die einen lockeren Untergrund brauchten. Diese Kiesstraßen mischten die Autos mit ihren Rädern auf, sie wurden zum Teil unbefahrbar. Auto-Kritiker buddelten Gräben auf den Fahrbahnen, um die ihrem Empfinden nach reichen und unverschämten Bezinkutscher aufzuhalten. Die, die sich ein Auto leisten konnten, fuhren hingegen auf den Straßen immer rücksichtloser.

Eine Entspannung der Lage brachte der weitere technologische Fortschritt: Der Amerikaner Henry Ford ließ ab 1913 Fahrzeuge vom Fließband laufen, wodurch sie für Mittelschichten bezahlbar wurden. Zusätzlich schaffte Fort tausende neuer Jobs.

3) Das Automobil ist nicht alltagstauglich oder gar familienfreundlich

Skeptiker wendeten ein, dass ein Automobil nur einer, maximal zwei Personen Platz biete und dass man weite Strecken damit nicht fahren könne. Mit diesen Vorurteilen räumte Bertha Benz, die Ehefrau von Carl Benz, auf. In einem Selbstversuch belegte sie, dass das motorisierte Gefährt durchaus alltags- und familienfreundlich ist. Sie glaubte fest an ihren Mann und dessen Erfindung und fuhr 1888 mit dem dreirädigen Modell von Mannheim nach Pforzheim. Bertha Benz legte über 100 Kilometer zurück, und das nicht allein. Auf die Reise nahm sie ihre beiden Söhne mit. Alle drei kamen wohlbehalten an. Getankt wurde an der Apotheke.

4) Keine Tankmöglichkeiten

Ein weiteres Vorurteil: Man könne nicht weit reisen, da man nirgends tanken könne. Auch in dieser Hinsicht bewies Bertha Benz das Gegenteil. Sie tankte an Apotheken auf. Vorerst übernahmen diese die Funktion von Tankstellen, bis ab etwa 1900 die ersten Verkaufsstellen für Treibstoffe eröffneten. Die Stadt-Apotheke in Wiesloch, die Bertha Benz aufsuchte, gilt deshalb als erste Tankstelle der Welt. Als Treibstoff diente brennbares Fleckenwasser, sogenanntes Ligroin. Das erste Tankstellenverzeichnis in Deutschland lässt sich auf das Jahr 1909 datieren. Es listet Drogerien, Kolonialwarenhändler, Fahrradhandlungen, Hotels und Gaststätten auf.

5) Das Automobil sei zu gefährlich

Dieses Vorurteil hatte Berechtigung. Ein gefährlicher Faktor war der Treibstoff. Die Menschen füllten ihn in beliebige Behälter, meist Milchkannen oder Flaschen. Sicherheitsvorschriften fehlten völlig und folglich waren schwere Unfälle durch Entzündung zu verzeichnen. Die häufigste Ursache: das Rauchen beim Befüllen des Fahrzeugtanks. Aus diesen Vorkommnissen etablierten sich langsam gültige Sicherheitsnormen. Um 1900 gab es auch die ersten Verkehrstoten, was maßgeblich daran lag, dass sich eine klare Trennung von Gehwegen und Straßen erst in den folgenden Jahren mit einem entsprechenden Ausbau etablierte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Führerschein: In Deutschland wurde die erste Fahrerlaubnis im Jahr 1888 für Carl Benz ausgestellt. Ein für ganz Deutschland gültiger Führerschein wird hingegen erst am 3. Mai 1909 eingeführt.

 

Der Überblick zeigt: Einige der Vorurteile gegenüber den ersten Autos stimmen, alle jedoch nicht. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die Angst vor neuen Technologien ist so alt wie die Menschheit selbst. Doch die Historie beweist: Das Automobil setzt sich durch und entwickelt sich weiter. Benzinautos, die lange Zeit als Zeichen von Schnelligkeit und Stärke vermarktet wurden, haben heute viel von ihrer Attraktivität verloren. Elektrofahrzeuge oder Plug-in-Hybride holen auf. Auch alternativen Antrieben gegenüber gibt es Vorurteile. Fakten und Fortschritt stehen jedoch vielen von ihnen entgegen. So lautet ein Vorurteil, dass das Laden eines Elektroautos zu lange daure. Fakt ist, dass es dafür mittlerweile Schnell-Ladesäulen gibt. Fakt ist auch: Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch.

 


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